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Tomayers Video-Tagebuch

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von konkret

In seinem Brief, mit der Feder gezeichnet und geschrieben, memoriert Ali Schindehütte, Mitglied der Künstlergruppe Werkstatt Rixdorfer Drucke (mit Johannes Vennekamp, Uwe Bremer und Arno Waldschmidt) ein Lob seines Nachbarn Peter Rühmkorf: »Wenn Tomayer richtig gut ist, dann ist er so gut wie Kästner und Gernhardt zusammen.« Andere kamen in ihren Nachrufen auf den Dichter zu ähnlich ehrenvollen Urteilen. Willi Winkler in der »Süddeutschen Zeitung«:

Tomayer hatte bei Wolfgang Neuss den Paukenschlag gelernt, nährte sich kärglich vom Rundfunk, pflog aber zunehmend einen lyrischen Ton, dem bald nur noch KONKRET, das »linksorientierte Magazin« (»Bild.de«), gewachsen war. Wenn er von seinen Fernreisen berichtete, die beim blutroten Aufgang der Sonne notwendig in die Pilze führten, zeigte sich ein Miniaturepiker, der nirgends seinesgleichen fand.

Oliver Tolmein in der »Frankfurter Allgemeinen«:

Allerdings wollte Tomayer nicht einfach ein sonst stummes Publikum zum Applaudieren motivieren, er wollte es immer lieber zum Sprechen  bringen; was er dann hörte, verwendete er gerne als Material in seinen Texten weiter, die mehr Aufschluß über Zeitgeist und gesellschaftliche Stimmungen gaben als soziologische Studien oder mancher langatmige Roman.

Thomas Blum in »Neues Deutschland«:

Tomayer war kein Abgreifer, kein sich in die Warteschlange fürs Bundesverdienstkreuz Drängender, sondern einer, der im Kommunismus das »Glühwürmchen im finsteren Khaos namens Kapitalismus« sah, ein dezidiert linker Künstler, der die Sprache liebte und die »Nazischeiße« verachtete.

René Martens in der »Taz«:

Horst Tomayer hätte es verdient, in einem Atemzug mit der Neuen Frankfurter Schule genannt zu werden, und wahrscheinlich würden das deren noch lebende Vertreter nicht bestreiten. Berühmt werden konnte Horst Tomayer aber schon deshalb nicht, weil er nicht korrumpierbar war.

Es geht nach einem Dichterleben, an dem sich Deutschlands Literaturbetrieb, der noch jedes Untalent zu feiern versteht, jahrzehntelang durch Ignoranz oder vorsätzliches Totschweigen blamiert hat, natürlich auch anders. Der »Spiegel« rief Tomayer dreiundzwanzig Zeilen nach, die sein Werk auf das Wesentliche konzentrierten:

… (Tomayer) verfiel auf Satire und Kabarett, schrieb fürs Radio und arbeitete für Wolfgang Neuss. Die Rebellion der sechziger Jahre brachte für Tomayer eine Jimmy-Hendrix-Frisur und einen Job bei den »St. Pauli-Nachrichten«. Für das linke Sexblatt verfaßte er zusammen mit Stefan Aust »Hein und Fietjes Kommentar«. Nach dem Abflauen der Revolte diversifizierte er seine Aktivitäten und verdingte sich als Schauspieler in »Otto«-Filmen und TV-Serien …

Alles, was an Tomayer jenseits der Bekanntschaft mit dem jungen Aust und sekundenlangem Chargieren in den trostlosen Otto-Filmen war: seine zwanzig »Deutschen Gespräche«, sein »Ehrliches Tagebuch«, dessen dreihundert Folgen von 1986 bis zu seinem Tod monatlich in KONKRET erschienen, darin all seine Gedichte im Erstdruck, die siebzig Lesungen in allen Kulturzentren zwischen Berlin und Wien im »Sehr gemischten Doppel« – von alledem keine Silbe. Weil KONKRET und sein Herausgeber, die den »Spiegel« gerade gezwungen hatten, eine Falschmeldung kostenpflichtig zu korrigieren, nicht genannt werden sollten. Journalismus als Blutwurst des rächenden Kleingeists – was für ein Lumpenmetier.

 

Veranstaltungen: Am 2. Februar spricht Martin Krauß in der Hamburger Bar Golem, Große Elbstraße 14, zum Thema »Brutal normal. Schwulenhaß im Fußball«. Beginn 20 Uhr. 

Wenzel Storch (Autor des konkret-texte-Bandes 59: Arno & Alice. Ein Bilderbuch für kleine und große Arno-Schmidt-Fans) ist am 13. Februar um 19.30 Uhr zu Gast bei Dietrich zur Nedden in der Fitz-Oblong-Show. Der Abend »Arno Schmidt zum Hundertsten« findet im Literaturpalast im Künstlerhaus Hannover, Sophienstraße 2, statt. Weitere Gäste: Susanne Fischer, Erwin Kühn und Bernd Rauschenbach.

Außerdem liest Wenzel Storch am 20. Februar um 20 Uhr in der Kaufbar in Braunschweig, Helmstedter Straße 135, aus seinen neuen Büchern. Dazu werden Sakropop und Film geboten.                                                         

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