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»Ich wollte nie als Exilant gesehen werden«

Interview mit dem serbischen Schriftsteller David Albahari über Homophobie und Antisemitismus in Serbien, die Evakuierungsaktion der Jüdischen Gemeinde Jugoslawiens in den Neunzigern und Grenzüberschreitungen in der Literatur

 

KONKRET: Ihr neuer Roman Kontrollpunkt ist das erste Ihrer Bücher, das sich ausschließlich dem Krieg, genauer den jugoslawischen Bürgerkriegen der neunziger Jahre widmet.


David Albahari: Ja und nein. Auch Mutterland (2002) ist ein Buch über den Krieg, aber der Krieg in Kontrollpunkt hat eine absolute Gegenwart, der man sich nicht entziehen kann. Was immer die Charaktere tun, sie tun es im Zusammenhang mit dem Krieg, der überall auf sie lauert. Sie bemessen die Zeit, die ihnen bleibt, ihre Gefühle, sie bemessen einfach alles am Krieg. Der Roman handelt aber nicht von den jugoslawischen Kriegen der Neunziger und auch nicht vom Zweiten Weltkrieg in den verschiedenen Regionen Jugoslawiens. Er handelt vom Krieg im allgemeinen. Ich wollte eine Art Fabel über den Krieg schreiben.

 

Die ersten Kritiken haben den Roman aber sofort im Bürgerkriegs-Bosnien verortet. In dieser sehr durchmischten Region waren die Grenzen zwischen Freund und Feind am wenigsten deutlich.


Ich kann niemanden davon abhalten, aus einem Buch das herauszulesen, was er oder sie möchte. Mein Roman Der Bruder (2012) zum Beispiel spielt größtenteils in einem Café – Café ist ein sehr schönes Wort, aber eigentlich handelt es sich eher um eine häßliche alte Kafana im Erdgeschoß meines Wohnhauses in Zemun: das Brioni. Als ich zu schreiben begann, war es für mich vollkommen normal, das Buch an diesem vertrauten Ort spielen zu lassen. Doch dann sagte eine Kritikerin, sie habe verstanden, daß dies ein Buch über die jugoslawischen Republiken sei, die einst Brüder waren und sich dann entzweiten. Und das alles nur wegen Brioni – denn so hieß Titos Sommerresidenz. Ich habe nie daran gedacht, aber so wurde es gelesen.

 

Sie sind auch in Serbien ein anerkannter Schriftsteller. Warum halten viele Ihre Texte für antiserbisch?


Das kann man so nicht verallgemeinern. Für die meisten bin ich ein Schriftsteller wie jeder andere. Aber es gibt Leute, die eine grundfalsche serbische Tradition Realität werden lassen wollen: Sie wollen nicht, daß ein Jude als bekannter serbischer Schriftsteller gilt. Mein Lektor in Deutschland schrieb einmal, die drei maßgeblichen Autoren aus Serbien seien Aleksandar Tisma, Danilo Kis und David Albahari. Drei jüdische Namen. Es gibt einige, die das nicht gerne hören.

 

Auch Kontrollpunkt wurde entlang der ethnischen Linien sediert und als antiserbisch abgestempelt.


Als das Buch herauskam, unterstellten diese Leute, ich hätte ein Buch gegen die Serben schreiben wollen, gegen die serbische Armee. Nur, weil einer der Soldaten im Buch Dragan heißt. Das ist, ich gebe es zu, ein serbischer Name. Na und, ein anderer Soldat heißt Mladen, ein kroatischer Name. Aber alle beziehen sich nur auf Dragan. Vielleicht muß ich beim Schreiben vorsichtiger sein, aber ich habe dieses naive Vertrauen in die Gutherzigkeit der Menschen. Ich glaube, daß sie meine Charaktere so lesen, wie ich es tue. Aber die Menschen wollen immer etwas anderes im Text des Schriftstellers finden. Sie sind mit der Idee aufgewachsen, daß Schriftsteller etwas in ihren Romanen, ihren Kurzgeschichten und Gedichten zu verstecken versuchen.

 

Sie schreiben immer wieder über neuralgische Punkte der serbischen Gesellschaft: Homosexualität oder Antisemitismus zum Beispiel, entweder historisch wie in Götz und Meyer oder als zeitgenössische Verschwörungstheorie wie in Die Ohrfeige.

 

Das hat verschiedene Gründe. Zum einen wird über diese Themen nicht gesprochen, es gibt bei vielen Menschen eine große Scham. Sie folgen den Führern und Vordenkern der Orthodoxen Kirche oder anderen, deren Ideen so etwas wie einem puren serbischen Geist verpflichtet sind. Obwohl ich nicht daran glaube, daß Schriftsteller Pflichten haben, denke ich, daß es eine Pflicht ist, Begebenheiten herauszufiltern, die diese seltsame Landschaft aus Mißverständnissen und Vorurteilen erzeugt, um dann zu versuchen zu erklären, was in einer Gesellschaft wirklich geschieht. Die Nato-Bombardierung von Serbien 1999 zum Beispiel wurde als Verschwörung der amerikanischen Juden und der gesamten westlichen Welt gegen Serbien gedeutet. Einfach deshalb, weil einige der führenden Politiker jüdischer Herkunft waren. Man muß darüber schreiben, um einen anderen Umgang mit diesen Themen zu ermöglichen.

 

Die radikale Rechte in Osteuropa mobilisiert ihre Anhängerschaft über Schwulenhaß; in Serbien wird die Gay Pride regelmäßig verboten. Ist es wichtig, das Thema in der Öffentlichkeit zu halten?


Auf jeden Fall. Ich schreibe darüber, weil es nicht besprochen wird. In Serbien hat es nie eine ernsthafte Diskussion über Homophobie gegeben. Für mich war das schon in meinen ersten Arbeiten ein Thema. In der serbischen Literatur fallen mir allerdings nur ein oder zwei Bücher dazu ein. Es ist interessant: Die Leute fordern von den Schriftstellern immer, Tabus zu zerstören. Aber wenn sie dies tun, werden sie gehaßt.

 

Anfang der neunziger Jahre waren Sie Präsident der Jüdischen Gemeinden Jugoslawiens. Wie kam es dazu?


Ich war aktiv in der Jüdischen Gemeinde, die in dieser Zeit komplett säkular war. Uns war es nicht verboten, die Religion auszuüben, wir hatten auch einen alten Rabbi. Aber es standen einfach zu wenig Mittel zur Verfügung, es gab keine Infrastruktur, keine jüdische Schule. Wie also hätte das gehen sollen? Ich habe lange Kulturarbeit gemacht, Kinder betreut, Veranstaltungen organisiert und stand der Gemeinde dadurch sehr nah. Der damalige Präsident hat mich schließlich dazu überredet, er behauptete, es sei eine ehrenvolle Aufgabe, mein Privatleben würde nicht darunter leiden und so weiter. Ich nahm den Posten also 1991 an.

 

Eine schwierige Zeit, um für eine jugoslawische Gemeinde verantwortlich zu sein.


Ja. 1991 und 1992 war Krieg. 600 bis 700 Jüdinnen und Juden aus Sarajevo kamen nach Belgrad. Die Jüdische Gemeinde ermöglichte ihnen, einige Zeit in Belgrad zu bleiben und von dort in Länder auf der ganzen Welt auszureisen, die sie akzeptieren würden.

 

Sarajevo war damals eingekesselt. Wer organisierte die Flüge nach Belgrad?


Wir, die Jüdische Gemeinde in Belgrad. Wir nutzten Flugzeuge der früheren Jugoslawischen Armee. Eines zum Beispiel war konfisziert worden, da Waffen darin gefunden wurden, die für die sogenannten Unabhängigkeitskämpfer in Kroatien bestimmt waren. Die Jugoslawische Armee verhinderte den Deal, und das Flugzeug wurde dann als Transportflugzeug genutzt. Es war nicht für Passagiere gemacht. Keine Ahnung, wie die Leute darin gesessen haben. Sie durften nur ein oder zwei Taschen aus ihrem gesamten Besitz mitnehmen, denn wir wollten soviele Menschen wie möglich ausfliegen.

 

Eine schlimme Situation: In Jugoslawien wurde die Mehrheit der Jüdinnen und Juden von den Nazis ermordet. Und nur wenige Jahrzehnte später wird die Jüdische Gemeinde aus Sarajevo evakuiert …

 

Wir konnten nicht untätig zusehen. Wir mußten damals einfach helfen. Die Zahlen der Evakuierten erscheinen vielleicht gering: 600 bis 700 Menschen. Aber die Jüdische Gemeinde in Belgrad zählte damals nur 1.300 Mitglieder. Innerhalb von zwei Tagen stieg ihre Zahl also um 50 Prozent. Das war eine schwierige Situation. Wir konnten die Menschen kaum versorgen, denn viele Gemeindemitglieder waren alt und konnten nicht helfen. Dennoch haben wir es ohne die serbischen Behörden geschafft. Wir hatten entschieden, sie nicht um Hilfe zu bitten, denn wir wußten, daß sie etwas zurückfordern würden, zum Beispiel, daß wir der Welt ihre »Wahrheit« über die serbische Führung sagen würden. Das wollten wir auf keinen Fall.

 

Viele Ihrer Bücher sind nach Familienmitgliedern benannt, Der Bruder, Die Schwester, Mutterland. Wessen Familiengeschichte erzählen Sie?


Die meisten meiner Schriften sind einem Familienmitglied gewidmet. Mein erstes Buch ist eine Sammlung von Kurzgeschichten über die Familie meines Vaters vor dem Zweiten Weltkrieg. Der zweite Teil handelt von meiner Familie, meinem Vater, meiner Mutter, meiner Schwester und mir im Belgrad der sechziger Jahre. Es ist wichtig zu verstehen, was die Grundlage der Gesellschaft ist. Beim Schreiben geht es doch immer um den Versuch, die Bedeutung der Verbindung zwischen den Menschen zu verstehen. Ich habe es von Buch zu Buch versucht. Beschreibung des Todes (Wieser 1993) ist eine Art Familiengeschichte, genauso wie Mutterland. Ich würde aber nicht sagen: Das ist meine Familie. Ich schreibe keine Autobiographie, ich schreibe Romane. Vor die Wahl gestellt zwischen der wahren Geschichte meiner Familie und einer Story, würde ich immer die Story wählen. Das ist eine Geschichte, die mir wichtig ist. Allerdings habe ich mich immer wieder gefragt, ob ich nicht eines Tages doch eine Autobiographie schreiben sollte. Aber es gibt einfach nichts mehr zu schreiben, es steht alles in meinen Büchern. Es wird also nie eine Autobiographie geben.

 

Einerseits sind Ihre Bücher sehr eng mit Ihrer eigenen Geschichte verknüpft, andererseits lassen Sie nonstop das verschwimmen, was wir für wirklich oder normal halten. Ihre Romane werden immer rätselhafter und grotesker. Was bedeutet Ihnen Wirklichkeit?


Es gibt nicht nur eine Wirklichkeit. Ich bin mir allerdings nicht sicher, in wievielen wir uns bewegen und wieviele wir überhaupt wahrnehmen können. Die Frage ist doch, wer die Wirklichkeit erzeugt: der Betrachter oder der, der betrachtet wird? Befinden wir uns in derselben Wirklichkeit? Es sind grundlegende Fragen, denen wir uns alle stellen müssen, vor allem als Schriftsteller, wenn man sich der Möglichkeiten bewußt wird, die man hat, wenn man Worte kreiert und Texte erschafft. Es ist eine gottähnliche Macht zu entscheiden, was Wirklichkeit wird, wer leben darf und wer sterben muß. Dieses »Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt« wirft die Frage auf, was nach der Sprache kommt, hinter den Grenzen meiner Welt. Dort kann nichts existieren, nur eine unermeßliche Leere. Vielleicht die Stille. Keine dieser Antworten ist zufriedenstellend. Aber vielleicht ist eben das die einzige Antwort: Jeder von uns hat seine eigene Wirklichkeit, und wir leben darin unsere glücklichen und unglücklichen Leben. Manchmal kommen wir einer Person und ihrer Wirklichkeit nahe, teilen sie für kurze Zeit. Und dann gehen wir wieder unsere eigenen Wege.

 

Sie scheinen eine große Sympathie mit Verlorenen zu haben, mit Menschen an der Grenze zum Wahnsinn. Auf den ersten Seiten Ihrer Romane scheint der Protagonist noch absolut vertrauenswürdig und man identifiziert sich ganz selbstverständlich mit ihm – und am Ende …


… ist er überhaupt nicht vertrauenswürdig.

 

Ja. Sogar inhuman, absolut menschenverachtend. Ich bin jedes Mal aufs neue schockiert, in welche Komplizenschaft ich mich begeben habe. Was ist so faszinierend an einem Leben an der Grenze?


Die Versuchung, auf die andere Seite zu wechseln. Du wirst vielleicht nicht dorthin gehen, weil dein Bewußtsein es dir nicht erlauben kann. Aber die Vorstellung, die Grenze zu übertreten, ist verführerisch. All die großen Geschichten und Romane handeln davon, die Seite zu wechseln, auf die Seite des Teufels zu gehen. All die betrogenen Helden, die in eine psychiatrische Klinik gesteckt werden, weil irgend jemand sich an ihnen rächen wollte. In dem Moment, in dem du im System der Psychiatrie bist, gibt es keinen Weg mehr zurück. Du bist auf der anderen Seite. Je mehr du beteuerst, du seist nicht verrückt, desto mehr wird man über dich lachen – denn wärst du nicht verrückt, würdest du doch nicht ständig wiederholen, nicht verrückt zu sein, oder? Ich selbst bin nie auf die andere Seite gelangt, also müssen dieses Leben aus einer anderen Perspektive meine Romanfiguren für mich durchspielen.

 

Nachdem Sie 20 Jahre lang in Calgary, Kanada gelebt haben, verbringen Sie wieder die Hälfte des Jahres in Zemun. Was bedeutet es zurückzukommen?


Es gibt diesen Roman von Thomas Wolfe, Es führt kein Weg zurück. Wolfe wußte lange vor mir: Man kann nicht nach Hause zurückkommen. Selbst wenn man sich entschieden hat, daß der andere Ort das neue Zuhause ist, findet man nicht nach Hause zurück. Egal, wohin man geht. Würde ich nun für immer hier in Zemun bleiben, wäre ich niemals in der Lage, die vergangenen 20 Jahre aufzufüllen, die ich woanders verbracht habe. So vieles ist währenddessen passiert im Leben von so vielen Menschen. Es ist einfach so, daß du nicht zurück nach Hause kannst. Statt dessen mußt du an deinem alten Platz mit einer neuen Leere leben.

 

Wie war das, als Sie 1994 nach Kanada kamen?


Als wir dort ankamen, wußten wir nichts über diesen Ort, nichts über die Menschen, die später unsere Freunde wurden. Auch dort mußten wir mit dieser Leere leben und sie langsam mit neuen Dingen auffüllen. Es ist ein interessantes, aber seltsames Gefühl. Ich ähnele den Charakteren aus meinen Kurzgeschichten, wenn ich morgens aufwache und mich frage, wo ich bin: in diesem Zuhause oder in dem anderen?

 

Haben Sie sich jemals als Flüchtling betrachtet?


Nein. Meine Familie und ich haben beschlossen zu gehen. Ich wollte nie als Exilant oder Flüchtling gesehen werden. Denn es ist nicht richtig. Wir kamen nach Kanada, weil wir das so wollten. Weil wir irgendwo leben wollten, wo es keinen Krieg gibt, wo das Leben normal ist, wo alles aufgeräumt ist und sauber, wo einfach alles da ist, wo es sein soll.

 

Und, war es so?


Nun ja, Kanada ist ein sehr ruhiges Land. Weite Landschaften, hohe Berge. Man kann dort glücklich sein – wenn man weiß, wie man glücklich ist. Auf einer Lesung sagten mir einmal ein paar Deutsche, sie wollten nach Kanada ziehen, denn dort müsse man nicht ständig unter Leuten sein. Und so ist es. In Kanada kannst du in die Berge gehen und in einem Umkreis von ein paar Hundert Meilen gibt es keine andere Menschenseele. Aber natürlich kann hinter dem nächsten Baum ein anderer einsamer Wanderer sitzen, der deinen Traum von der unberührten Wildnis zerstört. Oder da steht eine Toilette mitten im Wald. Warum braucht denn jemand eine Toilette in einem einsamen Wald?

 

 

David Albahari: Kontrollpunkt. Aus dem Serbischen von Mirjana und Klaus Wittmann. Schöffling & Co., Frankfurt a. M. 2013, 184 Seiten, 18,95 Euro

Ders.: Mutterland. Neuausgabe. Aus dem Serbischen von Mirjana und Klaus Wittmann. Schöffling & Co., Frankfurt a. M. 2013, 192 Seiten, 18,95 Euro

 

– Interview: Sonja Vogel –

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