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Wissenschaft leichtgemacht

Leo Fischer über die Infantilisierung an deutschen Universitäten.

Den deutschen Universitäten geht es gut. Die Drittmittel fließen, die Kopierer flimmern, die Kaffeemaschinen gluckern  – und sogar die Noten werden immer besser. Letzteres weiß man jetzt dank einer Studie der Uni Flensburg: Sie weist nach, dass die Examensnoten an deutschen Hochschulen seit den siebziger Jahren immer besser geworden sind – und fast nichts mehr aussagen. Tatsächlich, so die Bildungsforscher, seien viele Noten ans Brummen des Jobmotors gebunden: »Wenn auf dem Arbeitsmarkt Mangel herrscht, gibt es bessere Noten. Bei Überfüllung wird mehr selektiert.« So ungeschönt und freimütig hat man sicher noch nicht gelesen, dass die Unis im wesentlichen zum Ausfüllen von Bürosesseln abgestellt sind. Aber die Studie weiß auch Rat, wie der »Noteninflation« beizukommen ist: »Im Wissen, dass Noten oft wenig vergleichbar sind, plädieren die beiden Flensburger Forscher dafür, etwa bei der Vergabe von Masterplätzen stärker auf Losverfahren zu setzen – denn Gerechtigkeit gebe es auf Basis der Bewertungen sowieso nicht« (»Frankfurter Rundschau«).

Das Studium, um dessen Bedeutungslosigkeit man sich schon keine Illusionen mehr macht, wird hier als Joblotterie demaskiert – eine Wahrheit, für deren konsequente Umsetzung es noch etwas früh sein dürfte an den deutschen Hochschulen. Dreht sich derzeit doch alles darum, Studierenden aller Fachsemester, wenn schon keine wie auch immer bürgerlich grundierte Bildung, so doch wenigstens »Kompetenzen« anzudrehen. Die Frankfurter Goethe-Universität, die gerade einen Pausenraum nach dem Nazi-Industriellen und Sklavenhalter Adolf Messer benannt hat, hat vor kurzem das Programm »Starker Start ins Studium« ins Leben gerufen. Mit Unterstützung von Bund und Ländern will »die Goethe-Universität in den nächsten fünf Jahre (sic) die Studieneingangsphase systematisch verbessern«. Weniger nebulös ausgedrückt: Den Schülern, die gerade das Zeugnis der Hochschulreife in Händen halten, wird unmittelbar vor Studienantritt noch schnell einmal der Kopf gewaschen – denn wenn man schon Uninoten nicht trauen kann, dann Schulzeugnissen umso weniger.

Der »starke Start ins Studium« umfasst dabei Tutorien und Zusatzseminare in allen Natur- und Geisteswissenschaften. So sollen die Defizite des anscheinend desaströsen schulischen Mathematikunterrichts ausgeglichen werden, und in den Geisteswissenschaften »geht es um Förderung der Grundlagenkompetenzen wie Schreibfähigkeit, analysierendes Lesen und präzises Argumentieren«. Das muss man noch einmal lesen, so man es denn gelernt hat: Hier wird die Alphabetisierung noch einmal nachgeholt. Neben »Bausteinen der Grammatik« gibt es Kurse zu »Selbstorganisation und Zielmanagement«, »Stressresistenz«, »Mnemotechniken und Lernstrategien«, »Studium und Wissenschaft leicht(er) gemacht«, »Präsentieren im Studium«, »Retorik im Studium« (sic), »Reading and Writing for Natural Scientists« und, es darf gelacht werden, ein »Denglish Repair Shop«. Abgänger des »VORbereitungskurses Literaturwissenschaften« erzählen begeistert: »Die ausgeteilten Blätter werden mir im Romanistikstudium sehr nützlich sein, da es teilweise einfache Erklärungsblätter sind (Metrik). Ich kann nun jedesmal, wenn ich ein Gedicht lese, auf diese Blatt (sic) zurückgreifen und mich daran orientieren«, sagt etwa Marie, und Josefine meint: »Mir hat es sehr gut gefallen, dass wir über verschiedene Autoren gesprochen haben, da ich mich bisher mit deutscher Literatur nicht so viel beschäftigt habe. Mir hat es auch gefallen, dass wir auf die Unterschiede zwischen Drama, Prosa und Lyrik eingegangen sind. Ich wusste natürlich, dass es welche gibt, aber die Frage ist dann: Welche? Jetzt weiß ich es.«

 Man könnte es fast rührend nennen, wie hier Fremd- und Selbstinfantilisierung Hand in Hand gehen. Idiotisch benannte Hilfsschulangebote sollen Studierende auf Wissenschaften vorbereiten, deren Grundbegriffe sie auf Handzetteln festhalten müssen, damit sie nicht sofort wieder aus den leeren Köpfchen purzeln. Volkshochschulkurse für Meditation und Zitatanstreicherei versöhnen die unzureichende Schulbildung mit dem entkernten Studium. Freilich sind solche Angebote nur konsequent: Nachdem die Bologna-Reformen eben keine internationale Topchecker-Elite, sondern eine Generation unterstudierter und zwangsverjüngter Frühchen hervorgebracht haben, ist man nun keineswegs geneigt, die im Zuge der Reformen abgebauten Strukturen wiederherzustellen. Tatsächlich belässt man sie in ihrem traurigen Zustand – und stellt lediglich sicher, dass immerhin die Minimalanforderungen von Excel, Powerpoint und Bewerbungsgelaber sitzen. Warum diese Wirtschaft überhaupt noch an studierten Leuten interessiert ist, ist schon nicht mehr zu verstehen.

Das Schlüsselwort Kompetenz findet man auch in der Leitkultur der SRH Hochschule Heidelberg, dem sogenannten Core-Prinzip («Competence Oriented Research and Education«). Auf der Homepage der Hochschule heißt es dazu: »Bei uns verbinden sich Kompetenzerwerb und Freude am Lernen. Aktives und eigenverantwortliches Lernen rückt in den Vordergrund. Nur wer eigenverantwortlich handelt und lernt, kann über sich hinauswachsen, Wissen und Kompetenzen erwerben und Verantwortung übernehmen – für sich und für andere.« Bildung findet auch hier nicht mehr statt; vielmehr hat man sämtliche »Studiengänge konsequent kompetenzorientiert« ausgerichtet; an Kompetenzen freilich, die nur in Verantwortung, also gewissermaßen unter Aufsicht, stattfinden dürfen. Und tatsächlich stehen die Studierenden der Hochschule unter permanenter Bewachung: »Sie beschäftigen sich fünf Wochen lang intensiv mit einer praxisnahen Fragestellung und besuchen pro Fünf-Wochen-Block maximal zwei Fächer parallel. Jeweils am Ende eines jeden Fünf-Wochen-Blocks, also acht bis neun Mal pro Jahr, stellen wir Ihnen eine kompetenzorientierte Prüfung. Sie erhalten so von uns ein kontinuierliches Leistungsfeedback.« Wie unter den Bedingungen ständiger Kontrolle und Disziplinierung je so etwas wie ein Gedanke entstehen soll, dazu gibt die Seite leider kein Feedback.

Denkende und mündige(re) Studierende, die es wagen, öffentlich Kritik an Professoren wie dem Nationalpolitologen Herfried »Krieg her!« Münkler und dem Verbrannte Erde hinterlassenden Historiker Jörg Baberowski (beide Humboldt-Uni, Berlin) zu üben, sehen Hochschulleitungen hingegen gar nicht gern.

Doch das neue Arbeitsregime hätte jedenfalls dem Frankfurter Adolf Messer sehr gut gefallen: die Universität als Lotterie um den besten Ausbeutungsplatz, in der schon einmal der öde Rhythmus von Pitch und Controlling eingeübt wird, der das Arbeitsleben bestimmen wird, sofern man eines ergattert. Wie man freilich die trostlose Leere all dessen ertragen soll – dazu fehlt jedenfalls mir jegliche Kompetenz.

 

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