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Fuck Polyamory

Die Diskussion um nicht-monogame Lebensformen hat es in die Öffentlichkeit geschafft. Für Eingeweihte und Betroffene gibt es bereits eine Ratgeberliteratur zum Thema.

Von Iris Dankemeyer

Daß die Polyamorybewegung zunehmend aktuell wird, liegt auch daran, daß der akademische Diskurs seit längerem das Feld beackert, auf dem sprichwörtlich kein Gras mehr wächst. Von Axel Honneths Anerkennungstheorie über allerlei Emotionsforschung und die einschlägigen Texte der postmodernen Klassiker Barthes, Foucault, Butler bis zu Eva Illouz' auflagestarkem Buch über "Liebe in Zeiten des Kapitalismus" sucht sich die trockene Theorie mit Affekten und Gefühlen zu befeuchten.

Während die aktuelle Polyamorydebatte sich vor allem um praktische Lebensentwürfe und Realisierungen einer ach-so-bunten und vielfältigen Beziehungsform dreht, entstand die Bewegung ursprünglich Ende der neunziger Jahre in den USA aus dem queerfeministischen Umfeld. Sie verstand sich als Angriff auf den Doppelstandard, der hinsichtlich des Monogamiegebots zwischen Männern und Frauen bestand, denn während erstere die eheliche Treue leicht durch Konkubinen, Mätressen und Prostituierte umgehen konnten, hatten Frauen kaum Gelegenheit zum Seitensprung, wenn nicht gerade ein Klempner ihren Herd reparierte.

Anders als in der heutigen gender-gleichberechtigten Anschauung spielten Frauen die entscheidende Rolle für die Entstehung von Polyamory. Nicht nur geht der Begriff auf die "Church of All"-Gründerin Morning Glory Zell-Ravenheart zurück, die den Ausdruck "verantwortliche Nicht-Monogamie" zu Recht zu kompliziert fand. Auch die ersten fünf Veröffentlichungen zum Thema stammten von Frauen, darunter allen voran das als "Bibel" geltende Buch The Ethical Slut von Dossie Easton und Janet Hardy. Auch das wichtige Magazin "Loving more" wurde und wird von Frauen herausgegeben. Als Angelegenheit weiblichen Begehrens richtete sich Polyamory vor allem gegen eine Männermoral, die bei Frauen verfemt, was bei Männern augenzwinkend toleriert wird: Bis heute scheinen sexuelle Aktivität und Selbstbestimmung das Reinheitsgebot für Frauen zu verletzen. In diesem Sinne bestand Polyamory zunächst vor allem in der Forderung, nichtmonogames Verhalten auch für Frauen zu reklamieren. Im Rahmen der sogenannten Lebensformpolitik wurde diese Position von der Offensive "Schlampagne" auch nach Deutschland importiert.

Die jüngsten Publikationen zeigen jedoch, daß die Schlampenzeiten endgültig vorbei sind: Im seit Beginn des Jahres lieferbaren Band Polyamory von Thomas Schroedter und Christina Vetter wird Polyamory aus pädagogischer Sicht gerechtfertigt und als liberaleres Leben im falschem verkauft, in Oliver Schotts demnächst erscheinendem Lob der offenen Beziehung wird die Polyversion als Optimierung menschlichen Sozialverhaltens gefeiert.

Während ein Großteil der amerikanischen Bewegung in die Esoterikecke abgerutscht ist und die gemeinschaftliche sexuelle Energie als spirituelle Lebensweise an tantrische Gottheiten veräußert, sind die deutschen Polys realitätstüchtiger: Sie moralisieren, verkomplizieren unnötig, vereinfachen unzulässig und verkehren den sexpositiven Beginn der Polyamorybewegung erfolgreich ins Gegenteil.

Die Tatsache, daß Promiskuität bei Männern und Frauen unterschiedlich bewertet wird, interessiert mittlerweile weniger als das Problem, die eigene Promiskuität aber bitte mit Gefühl auszuleben. So verstehen Thomas Schroedter und Christina Vetter Polyamory vor allem als "sexuelle Ethik", die keinesfalls mit herzloser Polygamie zu verwechseln sei. Die Distanzierung von rein sexuellem Verhalten äußert sich auch in der Abgrenzung zu Swingern, die zwar als nicht-monogam, aber nicht als polyamor angesehen werden. Zudem weisen die Autoren auf die Nichtbetonung von Sexualität im Ausdruck Polyamory hin. Ging es bei den Schlampen noch darum, im Falle von Zuneigung auch Sex zu haben, soll zum Sex nun unbedingt das Gefühl hinzukommen.

Im Zuge der Debatte um die szenezentrale Frage, wie mit dem Phänomen der Eifersucht umzugehen sei, zeigt sich, wie die Verunsicherung darüber, plötzlich nicht mehr exklusives Objekt der gesteigerten Aufmerksamkeit der oder des Liebsten zu sein, mit einer Kuschelideologie kompensiert wird. Wenn alle Polys nur fest zusammenhalten, können sie gemeinsam die Gefahr der Kränkung minimieren. Zurückweisungen werden sozial abgepolstert, immerhin sind alle Polys quasi ständig auf dem Antiheiratsmarkt verfügbar. Auffällig in beiden Publikationen ist die Tendenz, die zu erleidenden Kränkungen, die ein Treuebruch nun mal bedeutet, vollständig wegzurationalisieren.

Bei Schroedter/Vetter ist Eifersucht schlicht eine "gesellschaftliche Programmierung", und diese "erlernte Reaktion" kann man/frau eben auch wieder "verlernen". Polyaktivistinnen und -aktivisten nehmen sie nicht hin, sondern arbeiten an ihr und empfinden sie als Training für ihre Selbstkonditionierung. Auch bei Schott ist Eifersucht nichts als "monogames Ressentiment": Ein bißchen "Selbstdisziplin" sei schon nötig, die "neue Einsicht" müsse schließlich erst "mühsam verinnerlicht" werden. Aber die Konditionierung zahlt sich aus, am Ende erfolgt die "neue Verhaltensweise" ebenso "spontan und mühelos" wie die vorangegangene (also im Grunde ebenso unreflektiert und automatisch). Wer nicht mehr "mononormativ" denken will, muß eben die "Partei der Freiheit" ergreifen - so als könne man sich seine Psychologie selbst erfinden.

Diesen Essentialismus zweiter Potenz teilen auch die anderen Autorinnen und Autoren; mit der Bezeichnung "poly" sei eine neue Identitätskategorie entstanden, "um auszudrücken, was Polyamore sind, nicht, was sie tun". Dem entspricht die theoretisch nicht minder absurde Vorstellung, es seien "die Stile der Liebe vom liebenden Subjekt aus zu betrachten, ohne das Objekt der Liebe festzulegen". Zuneigung soll also als Tabula rasa stets vorhanden sein und wird dann am jeweiligen Gegenüber herrschaftsfrei aktualisiert. Dumm die "GefühlsfundamentalistIn" (Schott), die sich unvernünftigerweise an das bestimmte Objekt verliert, von Affekten und Triebstruktur hinreißen und ergreifen läßt und sich ganz unvernünftig dem Zwecklosen, Rauschhaften, Ungesichterten hingibt. Denn aus solcher Gefühlsduselei könnte glatt eine RZB werden - eine romantische Zweierbeziehung.

Das "romantische Liebesideal" gilt gemeinhin als Erzfeind. Für Schott ist es zu kompliziert und ambivalent, schließlich haben Beziehungsmodelle "praktizierbar zu sein und glücklich zu machen". Dabei sollte niemand sich von sentimentalen Konventionen verleiten lassen, die "nur" abgelegt werden müssen.

Schroedter und Vetter wenden das immerhin noch politisch - Liebe steht im "Zentrum machtpolitischer Interessen" und bilde "zwischen den gesellschaftlichen Ensembles von Sexualität, Freundschaft, Solidarität und Glauben ein Dispositiv". Diese "Normativität" ist das Böse, zu dem "das Subversive als produktives Element" den entsprechenden Gegenpart bildet. Die Werte der Polyamory seien von Solidarität durchzogen, so daß "eine Aufrechnung, wie sie die Tauschwertlogik impliziert, völlig ausgeschlossen" sei. Die "Integrität" von Polyamory stehe der "Marktradikalität" diametral entgegen. Hier formiert sich Widerstand "gegenüber dem Leistungsdruck des herrschenden Alltags", geeignet, "den Schein der Warenwelt zu entzaubern". Make Polyamory Not Capitalism.

Wie dieser Hokuspokus ohne jede Form bestimmter Kritik funktioniert? Indem Polyaktivistinnen und -aktivisten durch die "Einbringung neuer Begrifflichkeiten sprachliche Tradierungen aufbrechen". Damit ebnen sie den Weg zur "Entwicklung einer Sprache, die deutlich macht, daß die Zeit der Doppelmoral des patriarchalischen Monotheismus, der Illusion der romantischen Zweierbeziehung wie auch die der warenförmigen Beliebigkeit überwunden ist".

Neben absurd Dahergestolpertem und Herbeiphantasiertem (unter anderem behaupten die Autorinnen/Autoren, "Brutus" reime sich auf "Ludus" und das griechische "Storge" auf das englische "more gay") hat diese Sprache wenig Vokabeln. Polyamory ist laut Schroedter/ Vetter "ein so postmoderner Begriff", daß man vor lauter Vielfalt eigentlich gar nicht so genau sagen kann, was er eigentlich bedeutet. Und dem Begriff "queer" liege zugrunde, "daß er nicht definiert werden kann". Ohne jede bestimmte Kritik wird Polyamory so schlicht zu einer "gesellschaftlichen Bereicherung", einem Beitrag, "die Vielfalt in unserer Gesellschaft zu fördern".

Alltagspraktisch und beziehungstheoretisch muß ein "verantwortungsvoller Umgang gewährleistet" sein, um eine "Verhandlungsbasis" herzustellen. Das "Polymantra" lautet: "Kommuniziere, kommuniziere, kommuniziere und dann kommuniziere noch mehr." Wer jeden One-Night-Stand emotionalisiert und jede Freundschaft sexualisiert, hat allerdings nicht nur viel zu besprechen, sondern tatsächlich auch jede Menge brainfuck.

Thomas Schroedter/Christina Vetter: Polyamory. Schmetterling-Verlag, Stuttgart 2010, 168 Seiten, 10 Euro

Dossie Easton/Janet W. Hardy: The Ethical Slut. Greenery Press, Eugene 1997, 280 Seiten; überarbeitete Neuauflage: Celestial Arts, Berkeley 2009

Oliver Schott: Lob der offenen Beziehung. Bertz und Fischer, Berlin 2010, 104 Seiten, 7,90 Euro

Iris Dankemeyer schrieb in KONKRET 5/10 über Julian Barnes Buch über den Tod

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