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Svenna Triebler über Amazons neue Qualitätsoffensive

Dass Sendungsbewusstsein und Beherrschung der Muttersprache in Form und Stil oft in einem umgekehrt proportionalen Verhältnis zueinander stehen, ist nicht neu. Früher griffen Menschen, deren Mitteilungsdrang auch durch die hundertste Ablehnung von Verlagen oder Redaktionen nicht zu dämpfen war, zum Mittel des Selbstverlags. Mit der Erfindung des Internets sollte derlei eigentlich überflüssig geworden sein, aber vielen verkannten Genies reicht es nicht, sich in Blogs und Sozialen Medien auszubreiten. Für diese Zielgruppe bietet Amazon mit seiner Plattform »Kindle Direct Publishing« die Möglichkeit, ihre Ergüsse als »richtiges« Buch zu veröffentlichen – als E-Book.

Während die Totholzheftchen aber vermutlich doch irgendeine Korrektur durchlaufen, wird von Amazon hochgeladen, was den Leuten so aus der Tastatur purzelt, und das lässt zu wünschen übrig. Darauf lässt jedenfalls die Anfang Februar gestartete Qualitätsoffensive schließen, mit der den Nutzern der Plattform bei Rechtschreib- und Formatierungsfehlern nun Sanktionen drohen: In minder schweren Fällen gibt es einen Warnhinweis im Kindle-Shop, bei allzu viel Murks wird das Buch aus dem Programm genommen. Bisher müssen die Leser Fehler noch selbst melden.

Das ist bedauerlich, denn mit einer automatischen Rechtschreibprüfung ließe sich das Konzept auch in den Sozialen Medien segenbringend anwenden. Die Korrelation zwischen inhaltlicher Qualität und Orthografie dessen, was die Leute so im Internet von sich geben, ist nun einmal unübersehbar, und solange niemand eine bessere Erklärung dafür anbietet, muss man eben davon ausgehen, dass gewisse Leute gerade damit beschäftigt waren, Flüchtlingsheime anzugreifen, als das Hirn verteilt wurde.

Das heißt weder, dass dumme Leute zwangsläufig Nazis werden müssen, noch, dass alle Nazis dumm sind; aber dass schlichte Gemüter für einfache Welterklärungen empfänglich sind, ist nun auch nicht so überraschend. Und keinesfalls verharmlosend: Um die Arbeit von hundert fähigen Menschen zunichte zu machen, reicht ein einzelner Depp, und bei einem geballten Auftreten wird es richtig gefährlich: »Unterschätze nie die Macht dummer Leute, die einer Meinung sind«, wusste schon Tucholsky. Mit einem Rechtschreibalgorithmus wäre man auf einen Schlag geschätzte 90 Prozent aller Hasskommentare los, und das ganz ohne lästige Debatte über die Auslegung von Community-Standards. Wäre die Technik rechtzeitig weit genug gewesen, wäre Pegida niemals über die ersten drei Facebook-Posts hinausgekommen.

Svenna Triebler

 

 

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